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Mehr als nur Gewicht: Warum Adipositas eine Krankheit ist

6 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze


Haben Sie auch schon oft den Satz gehört: "Du musst doch nur weniger essen und dich mehr bewegen"? Wir wissen, wie frustrierend und verletzend solche Ratschläge sind. Vor allem aber sind sie medizinisch falsch.

Wir möchten Ihnen eine entscheidende Last von den Schultern nehmen: Adipositas ist keine Charakterschwäche und kein Mangel an Disziplin. Es ist eine anerkannte, komplexe und chronische Erkrankung.

Das ist nicht nur unsere Meinung, sondern die offizielle Haltung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und seit 2020 auch des Deutschen Bundestages. Ihr Körper hat im Laufe der Zeit Regulationsmechanismen entwickelt, die das hohe Gewicht aktiv verteidigen.

Zu erkennen, dass man an einer Krankheit leidet, ist der erste Schritt zur Besserung. Denn für eine Krankheit braucht man sich nicht zu schämen – man braucht eine professionelle Therapie.

Der lange Weg zur Anerkennung


Wenn wir verstehen, warum Adipositas eine Krankheit ist, können wir aufhören, uns selbst die Schuld zu geben, und anfangen, wirksame Lösungen zu finden.

Jahrzehntelang wurde Adipositas (starkes Übergewicht) als reines "Lifestyle-Problem" abgetan. Die Betroffenen wurden stigmatisiert und mit ihrem Problem allein gelassen.


  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits im Jahr 2000 Adipositas als globale Epidemie und chronische Krankheit eingestuft.
  • In Deutschland hat der Deutsche Bundestag im Jahr 2020 offiziell anerkannt, dass Adipositas eine Krankheit ist.
Warum ist das so wichtig?


Diese Anerkennung ist die Grundlage dafür, dass Betroffene einen Anspruch auf eine leitliniengerechte medizinische Versorgung haben – genau wie Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck.

Warum "einfach weniger essen" nicht funktioniert


Die Vorstellung, Adipositas sei einfach das Ergebnis von "zu viel Kalorien rein, zu wenig Kalorien raus", ist veraltet. Natürlich spielt die Energiebilanz eine Rolle, aber der Körper ist keine einfache Maschine.


Bei Menschen mit Adipositas ist die komplexe Steuerung von Hunger, Sättigung und Energieverbrauch aus dem Takt geraten. Der Körper wehrt sich aktiv gegen eine Gewichtsabnahme, die er als Bedrohung empfindet. Er fährt den Stoffwechsel herunter und steigert das Hungergefühl massiv. Dies ist ein biologischer Überlebensmechanismus, gegen den man mit reiner Willenskraft auf Dauer kaum ankommt.




Ein Puzzle mit vielen Teilen: Die Ursachen


Es gibt nicht den einen Grund für Adipositas. Es ist ein Zusammenspiel vieler Faktoren, die sich gegenseitig verstärken:

  1. Biologie & Genetik
    Unsere Gene bestimmen zu einem großen Teil mit, wie unser Körper Nahrung verwertet, wie schnell wir satt sind und wo wir Fett speichern. Man sagt oft: Die Gene laden die Waffe.
  2. Umwelt & Lebensstil
    Wir leben in einer "adipogenen" Umwelt. Hochkalorische Nahrung ist überall verfügbar, während unser Alltag immer bewegungsärmer wird. Die Umwelt drückt den Abzug der geladenen Waffe.
  3. Psyche & Stress
    Essen ist oft mehr als Nahrungsaufnahme. Es dient der Stressbewältigung, als Trost oder Belohnung. Chronischer Stress verändert zudem Hormone, die die Fetteinlagerung begünstigen.
  4. Hormone
    Botenstoffe wie Leptin und Ghrelin funktionieren bei Adipositas oft nicht mehr richtig. Das Gehirn bekommt nicht das Signal "Ich bin satt", obwohl genug Energie gespeichert ist.



Adipositas betrifft den ganzen Menschen



Weil Adipositas eine Krankheit ist, bleibt sie nicht ohne Folgen. Das überschüssige Fettgewebe, insbesondere im Bauchraum, ist nicht passiv. Es ist ein hochaktives Organ, das Entzündungsbotenstoffe und Hormone produziert, die den gesamten Organismus belasten.

Dies erhöht das Risiko für viele Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenkprobleme und bestimmte Krebsarten. Auch die psychische Belastung durch Stigmatisierung und Einschränkungen im Alltag ist enorm.

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Fazit


Adipositas ist eine ernstzunehmende, chronische Erkrankung, die eine ebenso ernstzunehmende, langfristige Behandlung erfordert. Der erste Schritt ist, dies zu akzeptieren und sich professionelle Hilfe zu holen.

Quellenangaben:


World Health Organization (WHO). (2000). Obesity: preventing and managing the global epidemic.

Deutscher Bundestag. (2020). Antrag: Adipositas-Erkrankung ernst nehmen. Drucksache 19/20581.

Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V. et al. (2014). S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas.

Blüher, M. (2019). Obesity: global epidemiology and pathogenesis. Nature Reviews Endocrinology.